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18.12.2019

„Nie wieder“ als Auftrag der Nazi-Überlebenden

Augustaschacht-Leiter über Arbeit der Gedenkstätte

Georgsmarienhütte – Welche Bedeutung hat die Arbeit der Gedenkstätte Augustaschacht in Ohrbeck im Zusammenhang mit dem Erstarken des Rechtsradikalismus in Deutschland? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung mit dem Leiter der Gedenkstätte, Dr. Michael Gander, der auch die Gedenkstätte „Gestapokeller“ im Osnabrücker Schlossgebäude betreut.

Neben dem 81. Jahrestag der Reichsprogromnacht am 9. November seien verübte Morde wie an Walter Lübcke und in Halle sowie aktuelle Drohungen gegenüber Politikern genügend Anlass, sich darüber Gedanken zu machen, erklärte Johannes Bartelt einleitend. Zu bedenken seien auch Ereignisse aus der kommunalen Geschichte wie NSDAP-Kundgebungen auf dem Rehlberg, die frühere Benennung der heutigen Hindenburgstraße als Adolf-Hitler-Straße, das Auftauchen einer Hitler-Büste beim Abriss des früheren Rathauses sowie langjährige Treffen überregionaler Rechtsradikaler in einem Haus in Harderberg.

„Nie wieder“ sei das Motto von Überlebenden der Nazi-Konzentrationslager gewesen, erinnerte Gander. Entsprechend diesem Anliegen verfolge die Gedenkstätte Augustaschacht das Ziel, zur demokratischen Kultur und Eindämmung rechtsradikaler Tendenzen beizutragen. Obwohl die Gedenkstätte kurz nach der Eröffnung 2008 von einer sechsköpfigen Skinhead-Gruppe besucht worden sei, habe es bisher keine Gewaltakte gegen Personen gegeben.

Obwohl die Propaganda seinerzeit von eingesperrten Verbrechern im „Arbeitserziehungslager“ gesprochen habe, sei die dort ausgeübte Gewalt der Nachbarschaft des Augustaschachts nicht unbekannt geblieben. Man habe vom benachbarten Wohnhaus die Schreie hören und sehen können, wie Menschen zu Tode geprügelt wurden. Es habe auch Hilfe gegeben wie das Zuwerfen eines Apfels oder das Hineinschmuggeln von Zigaretten, was mit Strafe bedroht gewesen sei.

Ziel sei die „Umerziehung“ durch harte Arbeit gewesen, wobei Sterben in Kauf genommen worden sei, erklärte Gander. Von insgesamt ca. 2.000 Gefangenen seien etwa 100 getötet worden, darunter 60 Niederländer. Einen Gefangenen habe Lagerleiter Friedrich Kicker, der aus Oesede stammte, eigenhändig erschossen. Dafür sei er nach dem Krieg zu 8 Jahren Haft verurteilt worden.

Auf die Frage, was hätte man gegen das Unrecht tun können, werde von jungen Schülern häufig geantwortet, Polizei rufen oder Zeitung benachrichtigen, berichtete Gander. Die seien jedoch in der Nazi-Diktatur alle gleichgeschaltet gewesen. „Rechtsextremismus ausprobieren ist lebensgefährlich“, so der Augustaschacht-Leiter mit Blick auf Diskussionen in Thüringen.

Mehr Bildung forderte Robert Lorenz, auch um Nazi-Symbole erkennen zu können. Auch müsse darüber geredet werden, wie Menschen dazu kommen, an Gewalt gegenüber anderen Menschen mitzuwirken. Ansonsten gelte null Toleranz. „Bei Kenntnis von Vorfällen sofort 110 wählen und abführen lassen“, so der Fraktionsvorsitzende im Stadtrat und pensionierte Staatsanwalt.

Der Forderung des Grünen-Ratsherrn Wolfgang Springmeier, sich mehr um die Belange bildungsferner Schichten zu kümmern, wurde entgegnet, bei den 23% in Thüringen könne es sich nicht nur um „Dumpfbacken“ handeln. Kritisiert wurde die Überschwemmung der öffentlichen Medien mit „Breitbandverblödung“.

Ein anwesender Lehrer forderte, der Tendenz entgegenzuwirken, das NS-System als abgeschlossen zu betrachten. Die Frage, was schützt uns vor Rechtsradikalismus, gehöre in den Unterricht, auch die Entwicklung von Empathie anderen Menschen gegenüber. Gefragt wurde, ob das Zentralabitur zu viel Raum für solche Ziele nehme.

Die Kürzung von Fördergeldern für die Prävention und Arbeit gegen Rechts kritisierte Kreisvorstandsmitglied Sandra Telkmann. Auch die Stadt Georgsmarienhütte sei gut beraten, ihre Zuschüsse für die Arbeit der Gedenkstätte Augustaschacht zu erhöhen. Vorgeschlagen wurde, die Thematik im Jugendkonzept der Stadt zu verankern.

„Der braune Sumpf sei nie richtig trocken gelegt worden“, stellte Linken-Ratsherr Jörg Welkener fest. Affenlaute gegenüber Dunkelhäutigen und „Jude“-Beschimpfungen im Fußballstadion dürften nicht hingenommen werden. Nach dem Vorbild von Münster, das den Hindenburg- in Schlossplatz umbenannt habe, gelte es dafür auch in Georgsmarienhütte zu sensibilisieren.

Anerkennung zollte die Versammlung einer jungen Praktikantin aus Hasbergen, die derzeitig in der Gedenkstätte tätig ist und an der Diskussion teilnahm. „Ich wohne doch so dicht am Ort, wo Menschen eingesperrt waren und zu Tode kamen“, so die 13-jährige. Heute könne man daraus lernen, was damals falsch gelaufen sei.

 

 



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